{"id":669,"date":"2016-12-01T18:37:45","date_gmt":"2016-12-01T17:37:45","guid":{"rendered":"https:\/\/ibirtm.pl\/?p=669"},"modified":"2019-10-21T18:38:03","modified_gmt":"2019-10-21T16:38:03","slug":"medizintourismus-aus-deutscher-sicht-interview-mit-deutschem-experten-de","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ibirtm.pl\/en\/medizintourismus-aus-deutscher-sicht-interview-mit-deutschem-experten-de\/","title":{"rendered":"Medizintourismus aus deutscher Sicht \u2013 Interview mit deutschem Experten (de)"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>\u201eReisebewegungen von inl\u00e4ndischen und von ausl\u00e4ndischen Patienten, welche selbstverst\u00e4ndlich unterschiedliche Motive bei der Auswahl einer Destination oder differierende Erwartungen und Bed\u00fcrfnisse haben k\u00f6nnen, (\u2026) sollten (\u2026) in allen Belangen getrennt betrachtet werden.\u201c \u2013 betont der deutsche Experte des Medizintourismus, Herr Jens Juszczak. Das ganze Interview, das viele praktische Ratschl\u00e4ge beinhaltet, ist unten zu finden. Auch ein neues Buch wird vorgestellt.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ende Oktober fand ein Treffen zwischen den Mitgliedern des Instituts zur Erforschung und Entwicklung des Medizintourismus Prof. Dr. Frank-Michael Kirsch und Dr. Anna Bia\u0142k-Wolf mit einem herausragenden Experten des Medizintourismus in Deutschland, Herrn Jens Juszczak, statt. Unter anderem diskutierten die Herausgeber noch offene Fragen zum Buch \u201eMedizintourismus. Erfahrungen mit einer weltweiten Wachstumsbranche\u201c, das im Januar 2017 erscheint. Drei deutsche, zwei polnische, zwei schwedische und ein norwegischer Forscher analysieren neueste Entwicklungen auf dem Gebiet grenz\u00fcberschreitender medizinischer Behandlung. Das tragende Kapitel zur empathischen interkulturellen Patientenkommunikation ist eine Gemeinschaftsarbeit von Anna Bia\u0142k-Wolf (Danzig) und Frank-Michael Kirsch (Stockholm).<\/p>\n<p>Ein weiteres Ergebnis des Treffens ist das nachfolgende Interview:<\/p>\n<p><strong>Kirsch, Bia\u0142k-Wolf<\/strong>: Medizintourismus ist eine der wenigen weltweiten Wachstumsbranchen. Wird das mittelfristig so bleiben \u2013 was spricht daf\u00fcr, was dagegen?<\/p>\n<p><strong>Juszczak:<\/strong>\u00a0J\u00e4hrlich kommen mehr als eine Viertel Million Patienten aus \u00fcber 170 Staaten nach Deutschland. Innerhalb der letzten 10 Jahre hat sich die Zahl der Auslandspatienten fast verdoppelt. F\u00fcr einzelne L\u00e4nder, wie gegenw\u00e4rtig f\u00fcr Russland, ist ab und zu auch ein Nachfrager\u00fcckgang zu verzeichnen. Dieser wird aber meist durch steigende Zahlen in anderen M\u00e4rkten ausgeglichen. F\u00fcr die Zukunft l\u00e4sst sich ebenfalls ein moderates Wachstum erwarten. Zum einen liegt das einer gleichbleibend hohen Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Behandlungen zu g\u00fcnstigen Preisen, zum anderen an einer immer besseren Vermarktung der Destinationen.<\/p>\n<p>Beides l\u00e4sst sich auch bei einer globalen Betrachtung anf\u00fchren. Steigende Bev\u00f6lkerungszahlen, eine zunehmende Lebenserwartung vor allem in den Industrie- und Schwellenl\u00e4ndern sowie die damit einhergehende wachsende Anzahl von Erkrankungen sorgen auch zuk\u00fcnftig f\u00fcr eine gro\u00dfe Nachfrage nach medizinischen Behandlungen. Nicht alle L\u00e4nder k\u00f6nnen diese mit ihren Kapazit\u00e4ten und in einer entsprechenden Qualit\u00e4t abdecken. Selbst wenn, wie in den VAE, eine ausreichende medizinische Infrastruktur geschaffen wurde, fehlt es oft an \u00c4rzten und Pflegepersonal mit entsprechendem Know-how. Die Bereitstellungskosten medizinischer Leistungen erh\u00f6hen sich j\u00e4hrlich durch immer bessere und meist auch teurere Behandlungen sowie Medikamente, w\u00e4hrend Krankenversicherungen f\u00fcr immer weniger Leistungen eine Kostenerstattung \u00fcbernehmen. Dies alles sorgt weiterhin daf\u00fcr, dass Millionen Menschen jedes Jahr auf der Suche nach einem geeigneten Behandlungsort sind. Eine immer bessere verkehrstechnische Vernetzung der Metropolen beg\u00fcnstigt dabei den internationalen Medizintourismus.<\/p>\n<p><strong>Kirsch, Bia\u0142k-Wolf<\/strong>: Welche Kriterien muss eine Klinik heute erf\u00fcllen, um als Destination f\u00fcr internationale Patienten in Frage zu kommen?<\/p>\n<p><strong>Juszczak<\/strong>: Ich unterscheide hierbei zwischen medizinischer und touristischer Destination. Prim\u00e4rer Reisegrund vieler Medizintouristen sind die medizinischen Behandlungen, d. h. es m\u00fcssen folgende Kriterien erf\u00fcllt sein:<\/p>\n<p>\u2013 international ausgerichtete Einrichtungen der Spitzenmedizin, d.h. mit entsprechenden medizinischen Exzellenzen (z.B. onkologische Zentren, Protonentherapiezentren) ausgestattet<\/p>\n<p>\u2013 motivierte \u00c4rzte (i.d.R. Chef\u00e4rzte) mit aktuellstem medizinischen und methodischen \u00a0Kenntnisstand<\/p>\n<p>\u2013 International Offices mit einem auf die Behandlung internationaler Patienten ausgerichtetem funktionierenden Prozessmanagement<\/p>\n<p>\u2013 Sprachkenntnisse (Muttersprachler als Dolmetscher und Betreuer) und kulturelle Kenntnisse (vor allem Religion, Verpflegung, nonverbale Kommunikation)<\/p>\n<p>\u2013 CheckUp-Zentren mit hervorragender technischer Ausstattung sowie niedergelassene \u00c4rzte (vor allem in den Bereichen Zahnmedizin, Augenheilkunde, Plastische Chirurgie) mit einem auf ausl\u00e4ndische Patienten ausgerichteten Angebot, \u00a0internationale Apotheken und Sanit\u00e4tsh\u00e4user<\/p>\n<p>Aus touristischer Perspektive ist eine heilklimatische Umgebung und attraktive Landschaft nat\u00fcrlich von Vorteil. Wichtiger sind allerdings neben einer vorhandenen, \u00fcbergreifenden \u00a0und sichtbaren Ausrichtung auf internationale G\u00e4ste nachfolgende Punkte:<\/p>\n<p>\u2013 eine optimale Verkehrsanbindung (Direktflugverbindungen zu Flugh\u00e4fen im Herkunftsland)<\/p>\n<p>\u2013 Organisation aller Transfers<\/p>\n<p>\u2013 je nach Herkunft der Patienten eine gehobene Hotellerie und Gastronomie<\/p>\n<p>\u2013 M\u00f6glichkeiten der Freizeitgestaltung<\/p>\n<p>\u2013 Einkaufsm\u00f6glichkeiten (insbes. Luxus- und Markenartikel)<\/p>\n<p>Die meisten der genannten Hauptkriterien enthalten weitere Unterkriterien, wie beispielsweise bei den International Offices: internationale Webseiten, Beantwortung der Behandlungsanfragen innerhalb von 48 Stunden in der Sprache des Herkunftslandes des potenziellen Patienten, Unterst\u00fctzung bei der Visabeschaffung und vieles mehr.<\/p>\n<p><strong>Kirsch, Bia\u0142k-Wolf<\/strong>: Wir sind der Auffassung, dass Medizintourismus ein<strong>\u00a0internationales Ph\u00e4nomen<\/strong>\u00a0ist. Das bedeutet, schon in der Definition Inlands- und Auslandspatienten zu unterscheiden. Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind unter anderem \u00e4hnliche Preise f\u00fcr medizinische Dienstleistungen in einem Land, gleiche juristische Bestimmungen und Restriktionen, unterschiedliche Patientenbed\u00fcrfnisse und Einfluss auf die Auslandshandelsbilanz. Teilen Sie unsere Auffassung?<\/p>\n<p><strong>Juszczak<\/strong>: \u201eMedizintourismus ist ein Subbereich des Gesundheitstourismus und bezeichnet die vor\u00fcbergehende Ortsver\u00e4nderung an einen Aufenthaltsort im In- oder Ausland, der kein dauerhafter Wohnort ist, zum Zweck einer geplanten medizinischen Behandlung (prim\u00e4res Reisemotiv),\u00a0 welche kurativ, pr\u00e4ventiv, kosmetisch-operativ orientiert sein kann. In Anspruch genommene Leistungen werden vom Patienten selbst oder durch Kostentr\u00e4ger bezahlt. Synonyme sind Patiententourismus, Kliniktourismus, Operationstourismus, Kurtourismus.\u201c Dies ist meine Definition des Begriffs. Zu erkennen ist, dass es sowohl Reisebewegungen von inl\u00e4ndischen als auch von ausl\u00e4ndischen Patienten gibt, welche selbstverst\u00e4ndlich unterschiedliche Motive bei der Auswahl einer Destination oder differierende Erwartungen und Bed\u00fcrfnisse haben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dabei zeigt sich, dass diese bei Patienten aus dem Ausland deutlich heterogener als bei Inlandspatienten sein k\u00f6nnen. Auch wenn Rahmenbedingungen der Europ\u00e4ischen Union (zum Beispiel die EU-Patientenrichtlinie oder die EU-Antidiskriminierungsrichtlinien) scheinbar eine Vereinheitlichung vorspiegeln, ist je nach Herkunftsregion der internationalen Patienten mit zum Teil hohen Aufwendungen und damit auch Kosten zu rechnen.<\/p>\n<p>Wenn diese h\u00f6heren Kosten sich allerdings aufgrund gleicher Abrechnungsbestimmungen nicht abbilden lassen, haben die Anbieter oft Probleme (z. B. Zurechnung von Leistungen, verdeckte Subventionen). Deshalb sollten meiner Meinung nach der nationale und der internationale Medizintourismus in allen Belangen getrennt betrachtet werden.<\/p>\n<p><strong>Kirsch, Bia\u0142k-Wolf<\/strong>: In Ihrer Potenzialstudie Medizintourismus Berlin-Brandenburg 2015 erw\u00e4hnen Sie, dass die Erl\u00f6se durch Auslandspatienten bei Kliniken mit International Offices etwa das Siebenfache gegen\u00fcber Kliniken ohne solche Einrichtungen betragen. Womit h\u00e4ngt das zusammen?<\/p>\n<p><strong>Juszczak<\/strong>: Internationale Offices sind professionelle, auf Auslandspatienten spezialisierte Abteilungen in den Kliniken. Sie organisieren nicht nur den Behandlungsaufenthalt, betreuen die Patienten oder erstellen Rechnungen, sondern vermarkten die medizinischen Einrichtungen aktiv in den Zielm\u00e4rkten.<\/p>\n<p>Sie arbeiten also nicht nur effektiv, sondern auch effizient. Durch eine eigene Vermarktung erreichen sie mehr potenzielle Patienten und verringern die Abh\u00e4ngigkeit von Dienstleistern wie Patientenvermittlern oder externen Dolmetschern. Diese Offices verf\u00fcgen \u00fcber durchorganisierte Prozesse und entsprechende Standards, so dass sie gegen\u00fcber Mitbewerbern ohne vergleichbare organisatorische Einrichtungen einen Wettbewerbsvorteil erlangen, egal ob dieser sich bei schnelleren Reaktionszeiten oder in einer qualitativ hochwertigeren Abwicklung der Anfragen zeigt.<\/p>\n<p>Zudem ist eine strategische Ausrichtung vorhanden, welche ein sehr detailliertes Monitoring betreibt. Durch Informationen \u00fcber die Art der nachgefragten Behandlungen, die H\u00f6he der Behandlungskosten und den damit verbundenen Aufwand, ist es m\u00f6glich, eine strategische Nachfrage-, Auslastungs- und Erl\u00f6ssteuerung vorzunehmen. Insbesondere Letztere tr\u00e4gt zur Verbesserung der Einnahmen bei, wenn beispielsweise prim\u00e4r Patienten mit teuren Behandlungen eingeworben werden (zum Beispiel Knochenmarktransplantationen, Krebsbehandlungen) und auf nicht so lukrative Angebote wie Gesundheits-CheckUps verzichtet wird.<\/p>\n<p><strong>Vielen Dank f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch!<\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eReisebewegungen von inl\u00e4ndischen und von ausl\u00e4ndischen Patienten, welche selbstverst\u00e4ndlich unterschiedliche Motive bei der Auswahl einer Destination oder differierende Erwartungen und Bed\u00fcrfnisse haben k\u00f6nnen, (\u2026) sollten (\u2026) in allen Belangen getrennt betrachtet werden.\u201c \u2013 betont der deutsche Experte des Medizintourismus, Herr Jens Juszczak. Das ganze Interview, das viele praktische Ratschl\u00e4ge beinhaltet, ist unten zu finden. Auch [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":665,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_uf_show_specific_survey":0,"_uf_disable_surveys":false,"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-669","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-publikacje","entry","has-media"],"acf":[],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ibirtm.pl\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/669","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ibirtm.pl\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ibirtm.pl\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ibirtm.pl\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ibirtm.pl\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=669"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/ibirtm.pl\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/669\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":670,"href":"https:\/\/ibirtm.pl\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/669\/revisions\/670"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ibirtm.pl\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/665"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ibirtm.pl\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=669"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ibirtm.pl\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=669"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ibirtm.pl\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=669"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}